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„Ganz gleich, wohin wir fliehen, wir tragen unsere Kindheit mit uns und werden sie nicht los.“ Zum Erzählband „Rosen brechen“ von Leopold Federmair.

By on Dec 18, 2016

Was ist eine „Österreichische Erzählung“? Wer „Rosen brechen“, den 2016 im „Otto Müller Verlag“ erschienenen Erzählband des Autors und Übersetzers Leopold Federmair (Untertitel: „Österreichische Erzählungen“) in Händen hält, stellt sich unweigerlich diese Frage.

Im Vorwort schreibt Federmair, am einfachen Beispiel von „Freilassing“ wie ein einziges Wort, das für den einen nahe und vertraut ist für andere (nämlich entfernter Lebende) exotisch und fremd klingt; stets also zur „Regionalität“ – wenn nicht in jedem, so doch in einem gelungenen Buch – auch „größere Horizonte“ (L.F.) parallel laufen. Federmairs „österreichische“ – oder vielmehr „oberösterreichische“ – Erzählungen sind „regional“ (und auch in ihrer jeweiligen Zeit) verortet und zugleich erscheinen sie seltsam zeit- und ortlos.

Wie „Freilassing“ sind die Erzählungen also Beides: nahe und ferne. Österreichisch und exotisch. Bekannt und fremd. Nahbar und unnahbar. Natürlich, es sind „österreichische“ Geschichten, Erinnerungen an eine österreichische Kindheit, die hier erzählt werden. Aber genauso gut könnten es vielleicht auch amerikanische oder japanische (Federmeir lebt und arbeitet in Hiroshima) Erinnerungen sein. Keine „Heimatliteratur“. Keine Auseinandersetzung mit einer „österreichischen Identität“ , einer „österreichischen Literatur“, wie man den Titel auch missverstehen könnte. (Und natürlich keine „Abrechnung“) Kein „Regionalismus“ also. Keine „kleinen Welten“, die nur in dieser selbst wirksam – und deshalb von außen betrachtet eben nicht „exotisch“ und „fremd“ sind (und bekanntlich gibt es kaum etwas, das derart inspiriert wie das „Fremde“ und „Exotische“), sondern nichtssagend und fruchtlos.

Federmairs „Rosen brechen“ gehört zu jenen Büchern, die man nicht einfach liest und ein für alle Mal zurück ins Regal stellt, sondern zu jenen (tatsächlich sind es bei jedem von uns ja nur ganz wenige Bücher), die den/die Leser/in eine Zeit lang begleiten, in die man immer wieder (auch wenn man eine „Geschichte“ und ihren „Fortgang“ längst kennt) hineinliest; dem Text stückweise und wiederholt zuhört, denn um ein Zuhören geht es hier auch, um ein Hineinhören in die Musikalität von Sprache.

Eine Musikalität, die vielleicht nicht von ungefähr an den französischen Schriftsteller Henri Thomas (1912-1993) erinnert, dessen Romane Leopold Federmair ins Deutsche übersetzt, und (ähnlich wie es vor vielen Jahren Peter Handke mit Emmanuel Bove einmal gelang) uns damit einen Autor zugänglich macht, der mit seiner Art zu schreiben (und sicher auch zu leben) schon im Getöse des Literaturbetriebes seiner eigenen Zeit nur ein lebenslanger Außenseiter bleiben musste. In dem Essay „Die Überwindung von Schande und Scham durch die poetische Freude“, als Nachwort zur Übersetzung von „Die Nacht von London“ (2016, Klever Verlag), beschäftigt sich Federmair ausführlich mit Werk und Leben des französischen „Dichter-Erzählers“ (L.F.).

„Rosen brechen“ handelt von Erinnerungen; darunter auch solchen mit denen man kaum jemals fertig zu werden scheint. Einmal mehr greift der Autor die Erfahrung von Kindesmissbrauch auf. Erinnerungen, an die man sich nur langsam annähern kann. Unaufgeregt. Sensationslos. Gelassen.

Wie bei Henri Thomas ist es auch bei Federmair oft die „Gemeinsprache“, hinter der sich das Dunkle, Unerklärbare, das ungesagt Bleibende – und letztlich (im mehrdeutigen Sinn) auch das „Gemeine“ verbirgt und zugleich mitteilt.

„Rosen brechen“ sind melancholische Erzählungen, in denen auch noch das Unscheinbare und Alltägliche eine – wie es im Essay über Henri Thomas einmal heißt – „Welt zweiten Grades“ ist. Die „erste Welt“ – wie die frühen Erinnerungen selbst – bleibt wohl das was sie ist. „Ganz gleich, wohin wir fliehen, wir tragen unsere Kindheit mit uns und werden sie nicht los“, schreibt Federmair. Aber der Rückblick, so der Autor, kann uns auch „als Trampolin für Kunstsprünge dienen“.

 

Leopold Federmair. Rosen brechen. Österreichische Erzählungen. Otto Müller Verlag 2016.

Henri Thomas. Die Nacht von London. Aus dem Französischen von Leopold Federmair. Mit einem Essay des Übersetzers. Klever Verlag 2016.