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Eine Nachricht aus präfaktischen Zeiten. Zu „Jacques Callot und die Erfindung des Individuums“ von Bernd Schuchter.

By on Nov 28, 2016

Vorneweg: Ich bin vorbelastet: Vor vielen Jahren, als Theaterwissenschaftler, in einem anderen Leben geradezu, habe ich mich selbst intensiv mit dem Zeichner und Radierer Jacques Callot beschäftigt. Die „Ikonographie der Commedia dell’arte“ (zu welcher Callot bekanntlich viel beigetragen hat) zählte zu meinen damaligen Leidenschaften und Schwerpunkten. Und ich besitze selbst einige wenn auch freilich unbedeutende Arbeiten des 1592 geborenen Kupferstechers.

Es ist daher naheliegend, dass ich dieses Buch mit etwas Sachkenntnis, mit großem Interesse, Wohlwollen und nicht zuletzt einer gewissen unvermeidlichen Sentimentalität gelesen habe. Und ich muss sagen, ich habe es gern gelesen. Mit „Jacques Callot und die Erfindung des Individuums“ hat Bernd Schuchter ein tatsächlich bemerkenswertes und – im positivsten Sinne wie ich meine – ein „aus der Zeit gefallenes“ Buch präsentiert.

Schuchters 2016 im Braumüller Verlag erschienenes Buch ist keine „Künstlerbiographie“. Über die Person Callot selbst erfährt man auf den 160 Seiten des Buches zwar immer wieder etwas, aber letztlich nämlich erstaunlich wenig. Dabei gäbe das Leben Callots bestimmt einiges her. Mit 12 ausgerissen, auf eigene Faust nach Italien, im Schlepptau von „Zigeunern“. Vom Lehrherrn aus dem Haus, bzw. aus dem Bett mit seiner Frau, gejagt. Natürlich schildert Schuchter das von Callot bereits bekannte. Ob es auch stimmt? Sicher schmückt Schuchter das eine oder andere aus. Aber man misstraut hier weniger dem Schriftsteller Schuchter als den frühen Biographen Callots, die auf ihre Weise eher Dichter und nicht Wissenschaftler gewesen sein mochten.

Generell hält sich der Schriftsteller Schuchter auffallend mit seiner Phantasie zurück, und stellt vor allem das umfangreiche Werk des aus Nancy stammenden Lothringers in den Vordergrund. Als Leser blättert man so bisweilen von Radierung zu Radierung. Freilich findet man davon nur eine Handvoll in dem Buch auch abgedruckt. Das macht aber nichts. Schuchters Beschreibungen sind bereits eindringlich und bildhaft genug, so dass man erst im Lauf der Zeit bemerkt, dass das Besprochene gar nicht zu sehen ist.

Als Leser, der auch mit den Arbeiten Callots und auch damit, was über ihn und dessen Werk schon berichtet wurde, ein wenig vertraut ist, wünscht man sich auf den ersten Blick, der Autor Schuchter hätte der Geschichte des Radierers noch etliches hinzugedichtet, schon aus Neugier, was der Innsbrucker erzählerisch daraus gemacht hätte. Beim genaueren Hinsehen (Lesen) hat man aber seine Meinung zu revidieren. Es scheint, als habe Schuchter ganz bewusst versucht, die Bildsprache der Grafiken nicht bloß in beschreibende Texte zu übersetzen und daraus auf die Zeit, in der Jacques Callot lebte, sondern eben auch auf das Leben dieses Callot selbst zu schließen. Schuchter interpretiert (oder besser „liest“) die Person und den Menschen Callot wie eine stets wiederkehrende Figur in dessen eigenem Werk, was ja im wörtlichen Sinne bei manchen Druckgrafiken auch zutrifft.

Wie gesagt, hat man es hier ohnehin nicht mit einer Künstlerbiographie zu tun. Der eigentliche Gegenstand dieses Buches ist vielleicht nicht einmal Jacques Callot selbst oder dessen Radierungen: sondern es sind „Die Schrecken des Krieges“ wie eine der berühmtesten Serien Callots ins Deutsche übersetzt wird. Diese “zeichnet” und beschreibt Bernd Schuchter in zahlreichen Facetten.

Überhaupt durchzieht das Buch nicht nur eine ständige voreiszeitliche Kälte (Schuchter lässt seinen Künstler unentwegt frieren) sondern auch eine leise Melancholie, eine traurige Färbung. Die „Schrecken des Krieges“ hängen wie ein grauer Nebel über dem Text. Man muss sich den Zeitgenossen Callot (und die meisten seiner Zeitgenossen) bei aller Frömmigkeit als unglückliche Menschen vorstellen. Und diesen Callot zudem wie eine Art „Kriegsreporter“, der lakonisch, frustriert, illusionslos das Geschehen und – mit den zahlreichen Krüppeln – auch die Folgen davon beobachtet und später radiert. Wahrscheinlich nicht von ungefähr lesen sich manche Passagen wie Reportagen von Max Winter, Joseph Roth oder Jura Soyfer. Auch Callot, so scheint es, hatte diesen Blick auf die Verwerfungen seiner Zeit.

Lesenswert ist dieses Buch auch wegen der zahlreichen eingewobenen historischen, literatur- und philosophiegeschichtlichen Ausritte, die Schuchter – selbst studierter Historiker – darin unternimmt. Man erfährt so einiges über die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, den Kontext, die Zeit vor, während und nach Callot und als Leser nimmt man gerne die eine oder andere weiterführende Lektüreanregung entgegen.

Schuchters „Callot“ verwirrt. Er ist nicht wirklich einer „Gattung“ zuordenbar. Roman, Künstlerbiographie, Essay, Reportage? Wer weiß. Vielleicht von allem etwas. Der Autor selbst lässt offen was es ist. Sprachlich wird man an historische und kunsthistorische Arbeiten aus längst vergangenen Zeiten erinnert, in denen wort- und bildreich schmachtend oder verdammend und mit heute oft unbekannten Worten eine Vergangenheit beschworen wurde, die so vermutlich gar nie ausgesehen hat, aber das macht nichts. Stil und Weltbild zählten bereits. Es hat auch einmal ein präfaktisches Zeitalter gegeben. Wer erzählt oder analysiert hier eigentlich, fragt man sich als Leser. Man stellt sich einen schrulligen Privatdozenten aus der Zeit Anfang des 20. Jahrhunderts vor, vielleicht einen Kunsthistoriker am Ende des 19. Jahrhunderts.

Dieses Buch ist tatsächlich aus der Zeit gefallen. Es könnte auch 1885 geschrieben worden sein, oder eben 2016, vielleicht schon als Provokation für den zeitgemäßen Literaturbetrieb.

Jedenfalls gut, dass es so etwas noch geben kann.

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